Knaller-Karriere für kastrierte Katzen

"Kastrieren? Das kann doch nicht wahr sein!"

“Kastrieren? Das kann doch nicht wahr sein!” (Alle Bilder Public Domain)

Die böse Bundesregierung will all die süße Katzen wahlweise kastrieren oder einsperren lassen. Was für ein perfider Plan – und was für eine tolle Geschichte! Aber leider uralt. Dass die Katzenmeldung diese Woche trotzdem die große Runde durch die deutsche Medienlandschaft gedreht hat, liegt an BILD und der dpa. Eine Geschichte mit vielen bunten Bildern.

Die Moral dieser Geschichte ist, dass einigen Redaktionen offenbar jedes Mittel Recht ist, um Katzenbilder zu zeigen. Es ist deswegen nur konsequent, dass auch dieser Text extra viele Katzenbilder enthält. Das hat keinen inhaltlichen Sinn, verschönert aber die Form. Und es ist auf raubsäugerhafte Weise konsequent.

Es beginnt, wie so häufig, mit BILD, und zwar – in der Onlineausgabe – spätabends am Mittwoch, dem 18.11.

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Das klingt nach einer guten Geschichte. Aufhänger ist klar: Schmidt will Katzen beschnippeln oder einsperren. Es gibt einfach zu viele davon, und unkontrolliert vermehren tun sie sich auch noch. Deswegen:

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Schmidt hat also gar nicht in einem Interview zur Massenkastration aufgerufen, sondern das nur in einem Bericht schreiben lassen. Der aufmerksame Leser merkt: Die Geschichte wird immer kleiner. Aber aktuell wird sie ja dann wohl wenigstens noch sein…?

snip bild 3Das klingt dramatisch. Und tatsächlich -im Tierschutzbericht steht:

 ”Mit dem Dritten Gesetz zur Änderung des Tierschutzgesetzes … wurde in das Tierschutzgesetz eine Verordnungsermächtigung für die Landesregierungen eingefügt, … den unkontrollierten freien Auslauf fortpflanzungsfähiger Katzen zu verbieten oder zu beschränken.”(Tierschutzbericht 2015, Seite 29)

Heißt: Die Bundesländer dürfen, wenn sie denn wollen, de facto eine Kastrationspflicht für Freigänger-Katzen einführen. Das ist eine Nachricht. Und allemal eine gute Geschichte mit vielen Katzenbildern wert.

Schon ein sechstel Katzenleben alt

"OMG! Sie reden ohne aktuellen Bezug über Kastration! Lasst mich raus!"

“OMG! Sie reden ohne aktuellen Bezug über Kastration! Lasst mich raus!”

Was im Tierschutzbericht aber nicht steht: Das alles ist zwei Jahre her. Das Dritte Gesetz zur Änderung des Tierschutzgesetzes ist am 13.7.2013 in Kraft getreten. Seitdem können die Bundesländer die Kastrationspflicht einführen. Nordrhein-Westfalen hat schon, Hessen überlegt gerade, Baden-Württemberg möchte eher nicht. Die Geschichte ist also, sagen wir mal, gut abgehangen. Und ist ganz sicher nicht erst durch den Tierschutzbericht 2015 aufgetaucht.

Wie kommt diese olle Kamelle überhaupt in den Tierschutzbericht 2015? Das Ministerium sagt: Der Berichtszeitraum ist nun mal 2011 bis 2014. Dass das Ganze dann Tierschutzbericht 2015 heißt, sei irreführend, zugegeben, aber das sei nun mal so.
Ob der BILD-Redakteur so weit in die Tiefe des Katzen-Themas vorgedrungen ist, ist zumindest zweifelhaft. Sicher ist: Wer bis hierhin recherchiert hat, müsste das Thema wegen erwiesenen Mangels an Aktualität eigentlich begraben.

Auftritt der dpa

So eine schöne, vermeintlich aktuelle Geschichte mit Katzenbildpotential – das ruft die dpa auf den Plan.

Donnerstag, 19.11., 8:44 Uhr. Die dpa tickert im Basisdienst:

“Unkastrierten Katzen droht in Deutschland ein Stubenarrest. Es könne ‘erforderlich sein, den unkontrollierten freien Auslauf fortpflanzungsfähiger Haus- und Hofkatzen für einen bestimmten Zeitraum zu beschränken oder zu verbieten’, heißt es im neuen Tierschutzbericht der Bundesregierung. Die BILD-Zeitung berichtete am Donnerstag zuerst darüber. Das Bundeskabinett hatte den Tierschutzbericht 2015 am Mittwoch beschlossen.”

Wer nur das liest und nicht weiter recherchiert, denkt, dass das ein neuer Plan der Bundesregierung ist. Und offenbar hat der dpa-Redakteur das auch gedacht. Er schreibt weiter:

“In das Tierschutzgesetz sei eine Verordnungsermächtigung für die Landesregierungen eingefügt worden. Wenn davon Gebrauch gemacht werde, entspreche die Regelung ‘de facto einer Kastrationspflicht für Haus- und Hofkatzen mit Freigang.’”

Das stimmt ja auch. Aber es ist halt zweieinhalb Jahre her – was die Meldung mit keinem Wort erwähnt. Hat da etwa jemand geglaubt, dass die Bundesländer nur durch den Tierschutzbericht (!) plötzlich irgendeine Befugnis bekommen, die sie vorher nicht hatten?

"Das ertrage ich nur mit Alkohol."

“Das ertrage ich nur mit Alkohol.”

Viele schöne Katzenbilder, aber kein Aufhänger in Sicht

Diese Meldung, die beim Konsumenten den Eindruck erweckt, als sei das ein neuer Plan der Regierung, findet so ihren Weg zum Nachrichtenkonsumenten. Denn Meldungen aus dem dpa-Basisdienst werden in hunderte Nachrichtenwebseiten automatisiert und unredigiert eingebunden.

Damit aber nicht genug: Manch ein Qualitätsmedium greift das Thema sogar noch selbst auf – schließlich locken flauschige Katzenbilder. Welt.de schafft es, aus der Meldung einen länglichen Artikel mit schönem Cat Content zu basteln und dabei gleichzeitig erfolgreich zu verschleiern, dass die Geschichte schon ein sechstel Katzenleben alt ist.

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Die Redaktion textet sogar einen komplett neuen Einstieg, völlig unabhängig vom Agenturbericht. Der mündet dann in der Erkenntnis:

“Künftig könnte Katzen sogar in weiten Teilen Deutschlands die Kastration oder ein Stubenarrest drohen.”

Ja, künftig ist das so – und auch schon seit 2013. Dabei weiß der Autor durchaus bescheid, dass das Tierschutzgesetz schon 2013 geändert wurde – zumindest könnte er es wissen. Denn er zitiert eine Übersicht von PETA, aus der hervorgeht, dass es in etlichen Gemeinden in Niedersachen und Nordrhein-Westfalen schon eine Kennzeichnungs- und Kastrationspflicht gebe. Die kann ja wohl unmöglich an einem Tag beschlossen worden sein.

Das gibt der Redaktion aber offenbar keinen Anlass, den Titel (“Neue Katzenverordnung”) zu ändern oder die Geschichte, die ja nun erwiesenermaßen keinen Aufhänger mehr hat, doch nicht zu machen. Oder sie zumindest so zu korrigieren, dass nicht mehr der Eindruck entsteht, die Bundesregierung hätte einen neuen, perfiden Schnippel-Plan ausgedeckt.

Alle wollen Cat Content

"Entspannt euch. Hatten wir alles schon. Legt euch wieder hin."

“Entspannt euch. Hatten wir alles schon. Legt euch wieder hin.”

Der Versuchung der Katzenbilder sind außerdem – neben dem SAT.1-Frühstücksfernsehen – unter anderem auch Spiegel Online, sueddeutsche.defaz.net, zeit.de, focus.de, die Augsburger Allgemeine und der Berliner Kurier erlegen. Immerhin machen alle in der Mitte (!) ihrer Texte nebenbei deutlich, dass ihre Meldungen, die vorher noch ganz aktuell tun, auf der Änderung des Tierschutzgesetzes von 2013 beruhen.

Und warum tun sie das wohl in der Mitte des Textes und total unauffällig? Weil die dpa es auch so macht – in ihrer Zusammenfassung von 11:25 Uhr:

“(Im Tierschutzbericht 2015) wird auf eine Änderung des Tierschutzgesetzes aus dem Jahr 2013 eingegangen – damals wurde eine sogenannte Verordnungsermächtigung für die Landesregierungen eingefügt.”

Der Teil hinter dem Gedankenstrich erschließt sich dem Leser nicht, wenn er beruflich nichts mit Verwaltung zu tun hat – immerhin verzichten dann auch viele Medien auf diese “Information”. Die Formulierung vor dem Bindestrich findet sich aber dafür um so häufiger Wort für Wort in den Texten wieder – freilich im Mittelteil. Am Anfang des Textes wird stets zunächst der Eindruck erweckt, als sei die Möglichkeit für die Bundesländer neu.

Warum all diese Medien das Thema aufgreifen, obwohl es keinen Anlass dazu gibt, bleibt schleierhaft. Vermutlich, weil es eine BILD-Meldung war. Und weil die erste dpa-Meldung so tat, als sei das alles total neu. Und weil es um Katzen geht.

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Böse alte Männer

Die Medienjournalisten Stefan Niggemeier und Hans Hoff sind erbost. Der WDR hat sich erdreistet, mit WDR #3sechzich ein Nachrichtenformat für die junge Zielgruppe auf Youtube zu starten. Und wie der WDR das aufzieht – also nein, so gehe das ja gar nicht.

„Unfreiwillig komisch“ sei das, urteilt Niggemeier in seinem Blog, außerdem „ein bisschen affig“, und überhaupt „ernsthaft ärgerlich“. Die Moderatoren spielten die Youtuber nur. Und sie seien ziemlich exakt das Gegenteil von dem, was den Reiz von Youtubern ausmacht.

Hans Hoff fleht bei DWDL.de, es möge doch jemand kommen und „den Moderatoren den öffentlich-rechtlichen Stock aus dem Arsch ziehen.“  Die meisten kurzen Clips seien zu kurz, die langen Clips viel zu lang.

Was verleitet zwei gestandene Medienjournalisten zu solch boshaften Verrissen, noch nicht mal zwei Wochen nach dem Start? Stefan Niggemeier hat sich sogar die Mühe gemacht, Ausschnitte aus #3sechzich-Sendungen zu einer Verballhornung des Formats zusammenzuschneiden. Und Hans Hoff unterstellt den Machern pauschal, dass ihr innerer Antrieb nur sei, einen Job beim WDR zu haben und den zu behalten.

Sicherlich ist WDR #3sechzich nicht die öffentlich-rechtliche Nachrichtenoffenbarung. Das Vorbild LeFloid ist ein bisschen zu offensichtlich, die Moderatoren sind noch nicht glaubwürdig genug – und einige Formulierungen sind erstaunlich altbacken. Da wird aktiv am Straßenverkehr teilgenommen und das Kind beim Namen genannt; da herrscht Demonstrationsfreiheit; eine Demonstration wird anberaumt und Frau Merkel lässt verlauten. Das kann der WDR im Radio deutlich besser – bei den Nachrichten von 1LIVE nämlich. Aber sind diese Baustellen wirklich Grund genug, das Format und die Macher so in Grund in Boden zu kritisieren?

Besonders Stefan Niggemeier hat in der Vergangenheit immer wieder gefordert, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk mehr Programm für Jugendliche macht. Jetzt, wo der WDR genau das versucht, hätte ich – wenn es schon kein Lob gibt – zumindest erwartet, dass die Kritik konstruktiv ist. Denn weder Hoff noch Niggemeier verraten in ihren Texten, wie sie sich ein Nachrichtenangebot für die Zielgruppe zwischen KiKa und Tagesschau vorstellen. Das wäre doch interessant zu wissen.

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Bloß keine Reförmchen!
Gedanken zur Zukunft der Radionachrichten

Taugt gut als Symbolbild: Ein Mikro

Taugt gut als Symbolbild: Ein Mikro(1)

Das Konzept ist so alt wie das Radio selbst, und am Format hat sich eigentlich noch nie etwas geändert: In den Radionachrichten sitzt jemand einige Minuten lang nur da und weiß. Und er gibt sein Wissen weiter, mit der Aura der Neutralität, der Objektivität, ja, der Wahrheit.

Dieses Konzept gerät ins Wanken. Gesellschaft und Medienlandschaft haben sich verändert, und so fragen sich die Menschen, die sich beruflich mit Radionachrichten beschäftigen: Was muss sich ändern, damit unsere Sendungen nicht den Anschluss an die mediale Realität verlieren und noch mehr als jetzt als Relikt aus vergangenen Zeiten wahrgenommen werden? Private und öffentlich-rechtliche Sender veranstalten dazu das Branchentreffen “Zukunftswerkstatt Radionachrichten” im Mai beim MDR in Magdeburg. Im Internet diskutieren Kollegen schon jetzt darüber – auf Blogs wie diesem und bei Twitter unter dem Hashtag #newsneu. Weiterlesen

  1. Foto: Matthew Keefe []
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Wie Bild aus einem Plan
einen Beschluss macht

15 000 Erzieher fehlen Deutschlands Kommunen, um den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz gewährleisten zu können. Da scheint es doch nur logisch, dass sich die Städte und Gemeinden jetzt mit immer höheren Gehältern für Erzieher überbieten, so wie Bild schreibt. Die Geschichte einer Falschmeldung.

Dienstag, 2. Juli, früh morgens in einer SWR-Nachrichtenredaktion. Es verspricht ein nicht allzu nachrichtenstarker Tag zu werden. Ein sich abzeichnender Militärputsch in Ägypten, Snowden will doch kein Asyl in Russland, Urteil gegen ein paar russiche Agenten in Stuttgart, und nun zum Wetter. Da kommt die Meldung der Bild gerade recht. “Der Kampf um die Erzieher ist eröffnet!”, lautet die Überschrift. Und weiter: “Immer mehr Städte buhlen mit Gehaltserhöhungen und Extrazulagen um das dringend benötigte Personal.” Ab August hat jedes Kindlein in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz – damit das irgendwie hinhauen kann, fehlen noch um die 15 000 Erzieher. Die Nachricht klingt also nachvollziehbar. Und wie eine schöne Geschichte. Weiterlesen

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Lecker Pferdegulasch

Man nehme:

  • 750 Gramm Oberschale vom Pferd (das ist die Innenseite des Oberschenkels)
  • 3 Esslöffel Öl
  • 4 Zwiebeln
  • 2 Esslöffel Mehl
  • 15 Gramm Tomatenmark
  • 2 rote Paprikaschoten
  • 1 grüne Paprikaschote
  • 150 Milliliter Rotwein
  • 1 Natur-Joghurt
  • 1/2 Teelöffel Thymian
  • Salz, Cayennepfeffer
  • 1/2 Teelöffel Paprikagewürz

Fleisch zärtlich in Würfel schneiden, mit Pfeffer und Paprikagewürz bestreuen. Dann im Öl ordentlich anbraten. Aus der Pfanne nehmen.

Zwiebeln schälen, hacken und im Öl anbraten. Paprikaschoten von den Kernen befreien, in Streifen schneiden (nicht zu dünn!), zu den Zwiebeln geben und schön andünsten. Das Mehl darüberstreuen.

Jetzt das Fleisch, den Rotwein, das Tomatenmark, Thymian und Salz dazugeben. Alles gut umrühren. Bei geringer Hitze zugedeckt ungefähr eineinhalb Stunden schmoren lassen. Danach den Joghurt unterziehen.

Dazu passen hervorragend Salzkartoffeln oder Naturreis. Und natürlich ein kräftiger Rotwein. Guten Appetit!

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