Bloß keine Reförmchen!
Gedanken zur Zukunft der Radionachrichten

Taugt gut als Symbolbild: Ein Mikro

Taugt gut als Symbolbild: Ein Mikro(1)

Das Konzept ist so alt wie das Radio selbst, und am Format hat sich eigentlich noch nie etwas geändert: In den Radionachrichten sitzt jemand einige Minuten lang nur da und weiß. Und er gibt sein Wissen weiter, mit der Aura der Neutralität, der Objektivität, ja, der Wahrheit.

Dieses Konzept gerät ins Wanken. Gesellschaft und Medienlandschaft haben sich verändert, und so fragen sich die Menschen, die sich beruflich mit Radionachrichten beschäftigen: Was muss sich ändern, damit unsere Sendungen nicht den Anschluss an die mediale Realität verlieren und noch mehr als jetzt als Relikt aus vergangenen Zeiten wahrgenommen werden? Private und öffentlich-rechtliche Sender veranstalten dazu das Branchentreffen “Zukunftswerkstatt Radionachrichten” im Mai beim MDR in Magdeburg. Im Internet diskutieren Kollegen schon jetzt darüber – auf Blogs wie diesem und bei Twitter unter dem Hashtag #newsneu.

Bisherige Vorschläge: Alles nur Reförmchen!

Was in dieser Debatte teilweise als ausreichender Reformvorschlag gehandelt wird, empfinde ich als jetzt schon obligatorisch. Zum Beispiel:

  • Kein Ankündigungsjournalismus. Pure Terminankündigungen, Willensbekundungen und Pläne von Politikern, Gewerkschaften und Verbänden, Regierungspolitiker, die die Regierung unterstützen usw. – alles irrelevant.
  • Themenauswahl und -reihung nah am Hörer.  Die interessante Frage ist: “Was will der Hörer wissen?” – und nicht wie früher: “Was muss der Hörer wissen?”. Gesprächswert ist ein wichtiges Nachrichtenkriterium. Das bedeutet oft: Weniger Auslandsthemen, mehr regionale Themen. Und: auch mal mit einem unorthodoxen, aber gesprächswertigen Thema aufmachen („Grüne fordern Tempo 30 auf Autobahnen“, und ja, ich weiß, was ich oben über Ankündigungsjournalismus geschrieben habe).
  • Verständliche Sprache. Die Sprache in den Nachrichten darf keine unnötigen Barrieren aufbauen. Der Hörer und wir haben in den vergangenen Jahrzehnten gemeinsam eine eigene Nachrichtensprache gelernt. Diese Sprache verwendet Worte und Formulierungen, die in der freien Wildbahn überhaupt nicht auftauchen und die jüngere Hörer schlicht nicht kennen und auch nicht kennen wollen. Stellenweise scheint unklar, warum wir es überhaupt so machen, wie wir es machen, und wir erfüllen nur noch eine Nachrichten-Tradition. Plusquamperfekt? Konjunktiv durchziehen? Mir persönlich macht es Spaß, mich mit Sprache zu beschäftigen – aber das kann ich doch vom Hörer nicht erwarten! Und der Hörer soll auch kein Germanistik-Studium absolviert haben, um mir zuhören zu können. Also: Also: einen bis zwei Schritte in Richtung Umgangssprache! „Angemahnt, zeigt sich unnachgiebig, verunfallt, vergangenes Jahr, Fahrbahn, zustimmungspflichtiges Gesetz…“ – so spricht niemand, und im schlimmsten Fall versteht der Hörer es auch nicht.
    Das ist keine Attacke auf die Glaubwürdigkeit der Sendung, wie zum Beispiel beim Kollegen Udo Stiehl zu lesen ist, und es bedeutet auch nicht, dass nachrichtliche Grundregeln außer Kraft gesetzt werden. Es geht ausschließlich darum, sicherzustellen, dass das, was wir den ganzen Tag reden, verstanden wird – und zwar nicht nur von einer Elite.

Die Lösung ist mehr als nur einen gedanklichen Schritt entfernt

Dies alles ist nicht neu – und auch bei weitem nicht genug. Wenn wir Nachrichten wirklich neu denken wollen, dann müssen wir uns auch trauen, mehr als nur einen gedanklichen Schritt zu machen. Es reicht nicht, das, was wir ohnehin schon tun, einfach nur besser zu machen. Es muss noch mehr passieren. Bei vielen Sendern ist das möglicherweise sogar ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung.

Denn den letzten Jahren sind viele Sender dazu übergegangen, ihre Nachrichten so gut es geht zu verstecken. Hörer bleiben erfahrungsgemäß dann dran, wenn sich subjektiv nicht viel ändert, also im Optimalfall die Musik weiterläuft – daher auch die Tendenz, Nachrichten mit Musikbetten zu unterlegen. Es soll bitte so klingen wie “normales” Programm, damit so wenig Menschen wie möglich abschalten.

Das ist aber das falsche Konzept. Wenn man schon Nachrichten sendet (oder senden muss), dann richtig – also umfassend, richtig aufgebaut, gut eingebettet, gut erklärt und im Idealfall so, dass der Hörer dranbleiben will. Eine Portion Realismus schadet dabei aber auch dem Nachrichtenredakteur nicht: Fünfminütige O-Ton-Nachrichten mit Korrespondenten aus aller Welt in einem Sender mit CHR-Format ergeben wenig Sinn.

Wie also sollen Radionachrichten sein?

Nachrichten sollten so lang sein, wie der Inhalt sie erfordert. Gute Nachrichten so unter zwei Minuten einzudampfen, dass der Hörer sie wirklich (Hand aufs Herz!) versteht, ist sehr schwierig. Auf der anderen Seite sind sieben Minuten zwanghaft zusammengeklaubte Nachrichten an einem schläfrigen Sonntag ebenso Quälerei – für Hörer und Redakteur.

Nachrichten sollten die Themen abbilden, die den Hörer interessieren und die gerade relevant sind. Die Themenauswahl erfolgt nach dem GUNNN-Prinzip(2). Dabei sollte auf dem G ein besonderer Fokus liegen – freilich ohne sich in Nicht-Meldenswertem zu verlieren. Und die Lebenswirklichkeit der Hörer nicht vergessen! Ich plädiere dabei ausdrücklich auch für Themen, die zunächst abwegig scheinen, zum Beispiel den Bürgerkrieg in Zentralafrika. Gut aufbereitet und erklärt (Wer gegen wen, seit wann und warum, und wieso ist das schlimm?) ist der durchaus gesprächswertig.

Nachrichten sollen sich nicht verstecken, aber trotzdem nahtlos ins Programm einfügen. Heißt: Irgendeine Form von Interaktion mit dem Moderator ist wünschenswert. Das klingt nicht nur gut, sondern hat auch noch den Vorteil, dass die Hörer merken, dass der Sprecher tatsächlich da (und echt) ist.

Um unsere Nachrichten noch verständlicher zu machen, sollten wir auch mal auf das Pyramidenmodell verzichten.(3) Denn wenn der Hörer den Leadsatz nicht verstanden hat, muss er in der Regel noch zwei Sätze warten, bis ihm im Erklärsatz am Ende der Meldung verklickert wird, worum es eigentlich geht. Aber warum erklären wir nicht zuerst und sagen danach, was neu ist? Dann werden Journal-Moderationen draus, jawohl – aber warum denn auch nicht?(4) Das hat zusätzlich zur besseren Verständlichkeit noch einen weiteren Vorteil: Die krampfhafte Weiterdrehe entfällt dann oft.

Im Übrigen bekommen erstaunlich viele Hörer die pure Information schon schneller als jede Nachrichtensendung geliefert: per App nämlich. Tagesschau und Spiegel Online schicken Eilmeldungen quasi sofort auf das Smartphone. Über den Rücktritt des Ministers ist der Hörer zur nächsten vollen Stunde schon informiert. Das Neuigkeitsmonopol der Radionachrichten ist somit über weite Strecken passé. Warum also überhaupt noch Radionachrichten? Weil die Information an sich wenig wert ist ohne jemanden, der erklärt und einordnet. Genau das ist jetzt unser Job – und eine pyramidale Nachrichtenmeldung ist dafür das falsche Format.

Neue Formate testen – warum nicht?

Aber was ist denn dann das richtige Format? Ich glaube, dass genau diese Frage unsere primäre Baustelle ist. Veränderungen in Sprache, Themensetzung und all die Dinge, die ich ganz zu Anfang angeführt habe, sollten inzwischen selbstverständlich sein. Aber wie schaffen wir es, Nachrichten zu machen, die die notwendige Menge an Information verständlich vermitteln, Hintergründe erklären, Sachverhalte einordnen und das Ganze auch noch so aufbereiten, dass es angenehm zu hören ist? Klingt nach eierlegender Wollmilchsau, und vermutlich werden wir einige Bruchlandungen erleben, wenn wir neue Konzepte erproben. Ich bin dafür, dass wir es trotzdem tun.

Warum spielen wir in den Nachrichten eigentlich weder Beiträge mit O-Tönen noch 1F1A, also ein Kurzgespräch mit einem Reporter oder Korrespondenten? Das sind unbestritten Dinge, die den Hörer eher „abholen“ und mehr zum Zuhören bewegen als die klassisch vorgetragene Meldung. Der Verzicht auf die klassische Nachrichtenform darf dabei natürlich nicht mit einem Verzicht auf journalistische Standards einhergehen.

„Aber das geht doch gar nicht!“, werden einige Kollegen jetzt sagen. Ich behaupte: Das geht sehr wohl. Die Redaktion darf sich eben nicht zu sehr in Richtung Gefälligkeit und Boulevard bewegen. Und nur, weil etwas verständlicher, interessanter, ja, eventuell etwas lebhafter klingt als eine klassische Nachrichtensendung, muss es ja nicht weniger wahr sein.

Komm, lass uns über die Nachrichten sprechen.

Ein noch radikalerer Ansatz ist der, die ganze Nachrichtensendung in Gesprächsform zu gestalten. Voraussetzung sind logischerweise Moderatoren, deren On Air Personality Nachrichtenkompetenz beinhaltet oder zumindest zulässt.

Das könnte dann zum Beispiel so klingen:

Mod: “Jetzt ist es sieben Uhr, wir schauen mal, was in der Welt so los ist – bei mir ist Nachrichtenmann/frau XY. Thema des Morgens ist ja wohl eindeutig die Fähre, die da vor Nordkorea gesunken ist.”
XY: “Genau – das Schiff war wohl mit ungefähr 470 Leuten an Bord auf dem Weg zu einer Ferieninsel. Dann ist es plötzlich zur Seite gekippt und gekentert (…).”
Mod: “Wie geht es denn da mit der Rettung voran?”
XY: “Da sind sehr schnell Schiffe und Hubschrauber vor Ort gewesen, aber das Problem ist das schlechte Wetter an der Unglücksstelle (…)
Mod: “Wie kann denn sowas passieren? Südkorea ist ja jetzt nicht als das Land mit den unsichersten Schiffen bekannt?!”
XY: “Wir wissen noch nicht mal im Ansatz, warum die Fähre gesunken ist. Natürlich wird jetzt schon viel spekuliert – Ladung verrutscht, gegen einen Felsen gefahren oder eine zu plötzliche Wende, um mal ein paar Theorien zu nennen (…)”
Mod: “Okay, so viel erstmal zum Schiffsunglück vor Südkorea. Jetzt hast du noch ein paar Kurzinfos für uns…”
XY: (Zwei-Satz-Meldungen; denkbar wäre auch, auf die Kurzmeldungen zu verzichten und stattdessen ein oder mehrere Themen im Gespräch zu behandeln.)

Das Nachrichtengespräch – ungelernt, also abwegig?

So oder so ähnlich könnte ein solches Format aussehen. Nachteil ist sicher, dass der Hörer diese Form der Nachrichten nirgends „gelernt“ hat. Eine Nachrichtensendung in Gesprächsform muss in seinen und unseren Ohren zunächst sehr eigenartig klingen. Ich bin aber der Überzeugung, dass es ein solches “Nachrichten-Gespräch”, wenn es handwerklich gut gemacht ist, mit jeder handelsüblichen Radio-Nachrichtensendung aufnehmen kann. Zweifelsohne können wir nicht alle Fakten, die wir normalerweise in unseren Sendungen unterbringen, in ein Gespräch quetschen. Zudem können wir in das Gespräch, wenn es einigermaßen authentisch klingen soll, keine sprachlichen Feinheiten einbauen, die uns normalerweise so viel Freude bereiten.

Das macht aber nichts – denn einem Nachrichtengespräch würden die Hörer besser folgen können und sich eher angesprochen und abgeholt fühlen. Immerhin reden Moderator und Nachrichtenredakteur auf einmal wirklich miteinander – und zwar so (oder zumindest so ähnlich), wie sie sich auch in der Kantine über die Nachrichtenlage unterhalten.(5) Das gibt den Nachrichten einen neuen Stellenwert – und ist quasi nebenbei sehr viel verständlicher als bisherige Nachrichtenformate. Ich behaupte, dass viele Hörer durch diese neue Form der Nachrichtensendung mindestens genau so gut, wenn nicht sogar besser informiert werden. In jedem Fall aber kommt das Nachrichtengespräch den Bedürfnissen der jüngeren Zielgruppe entgegen, die mit herkömmlichen Radionachrichten oft wenig anfangen kann und will.

Übrigens muss man meiner Meinung nach in einem Nachrichtengespräch nicht auf aussagekräftige O-Töne verzichten – in vielen „normalen“ Kollegengesprächen kommen die ja auch jetzt schon zum Einsatz. Auch ein Korrespondentengespräch finde ich in diesem Format denkbar – warum denn nicht mit einem Korrespondenten sprechen statt mit dem Nachrichtenredakteur?

Ich bin mir sicher, dass uns noch weitere Vorschläge für neue Formate für Radionachrichten einfallen – wir müssen uns nur trauen, darüber nachzudenken. Und vielleicht probieren wir sie ja eines Tages sogar aus.

  1. Foto: Matthew Keefe []
  2. Gesprächswert, Unterhaltungswert, Neuigkeitswert, Nutzwert, Nähe []
  3. Nach dem Pyramidenmodell kommt in einer Nachrichtenmeldung zuallererst die Neuigkeit, dann die Quelle, dann der Hintergrund []
  4. Ähnlich sehen das Imelda Stalder und Thomas Kropf []
  5. Nur ohne den üblichen Zynismus, natürlich []
Geschrieben am 7. Mai 2014
flattr this!

1 Kommentar zu „ Bloß keine Reförmchen!
Gedanken zur Zukunft der Radionachrichten

  1. Pingback: #newsneu: Experimentieren erwünscht. | Radio machen

Kommentieren