05 Jul

Wie Bild aus einem Plan
einen Beschluss macht

15 000 Erzieher fehlen Deutschlands Kommunen, um den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz gewährleisten zu können. Da scheint es doch nur logisch, dass sich die Städte und Gemeinden jetzt mit immer höheren Gehältern für Erzieher überbieten, so wie Bild schreibt. Die Geschichte einer Falschmeldung.

Dienstag, 2. Juli, früh morgens in einer SWR-Nachrichtenredaktion. Es verspricht ein nicht allzu nachrichtenstarker Tag zu werden. Ein sich abzeichnender Militärputsch in Ägypten, Snowden will doch kein Asyl in Russland, Urteil gegen ein paar russiche Agenten in Stuttgart, und nun zum Wetter. Da kommt die Meldung der Bild gerade recht. „Der Kampf um die Erzieher ist eröffnet!“, lautet die Überschrift. Und weiter: „Immer mehr Städte buhlen mit Gehaltserhöhungen und Extrazulagen um das dringend benötigte Personal.“ Ab August hat jedes Kindlein in Deutschland einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz – damit das irgendwie hinhauen kann, fehlen noch um die 15 000 Erzieher. Die Nachricht klingt also nachvollziehbar. Und wie eine schöne Geschichte.

Bild wird sogar konkret:

„Stuttgart: Die Stadt hat das Einstiegsgehalt für neue Erzieher erhöht (von der Besoldungsgruppe S6 auf S8) – um 181 bis 235 Euro.
München: Es gibt eine Zulage von 114 Euro/Monat und einen Zuschuss für den Nahverkehr. Berufsanfängern wird auf Antrag eine Dienstwohnung für sich und ihre Familie gestellt.“

Wie es bei Exklusivgeschichten üblich ist, wird auch diese Bild-Meldung, die in der Printausgabe nur wenig Platz einnimmt, vorab an die Nachrichtenagenturen gegeben. Diese verbreiten in der Regel abends oder nachts die Geschichten, die am nächsten Tag in der Zeitung stehen. Die Zeitungen betreiben auf diese Weise ausuferndes Namedropping – sie wissen genau, dass sich ihre Geschichten vor allem bei trister Nachrichtenlage rasend schnell verbreiten können. Und weil die Quelle stets genannt wird, kann es sein, dass der verdutzte Radiohörer im beschaulichen Kotzenbüll in Schleswig-Holstein auf einmal über die Nachrichten seines Radiosenders eine Meldung aus der Passauer Neuen Presse vorgelesen bekommt.

Die Nachrichtenagentur AFP pustet also nachts um kurz vor eins inmitten eines Stapels von Zeitungsvorabmeldungen folgende Nachricht über den Ticker:

„Einen Monat vor Inkrafttreten eines Rechtsanspruchs auf einen Kita-Platz werben einem Bericht zufolge immer mehr Städte mit höheren Gehältern um die dringend benötigten Erzieher. Wie die «Bild“-Zeitung in ihrer Dienstagsausgabe berichtete, buhlen die Städte auch mit Zulagen wie Fahrtzuschüssen und Dienstwohnungen um das Personal. So erhalten etwa neue Erzieher in München eine Zulage in Höhe von 114 Euro im Monat. Zusätzlich gibt es demnach einen Zuschuss für den öffentlichen Nahverkehr. Berufsanfängern wird dem Bericht zufolge auf Antrag auch eine Dienstwohnung gestellt. Der «Bild“-Zeitung zufolge soll das Einstiegsgehalt in Stuttgart etwa um 181 bis 235 Euro steigen.“

In einer nächtlich-ruhigen Nachrichtenredaktion des SWR löst diese Meldung verständlicherweise (gedämpften) Aktionismus aus. Das Sendegebiet! Es ist erwähnt! Eine regionale Meldung! Und dann klingt sie auch noch so nachvollziehbar! Das muss die Welt erfahren.

Der SWR meldet also auf allen seinen Radiowellen um zwei, drei und fünf Uhr:

„Viele Städte werben mit Gehaltserhöhungen und Extrazulagen Erzieher an. Das berichtet die Bild-Zeitung. In München würde Kindergärtnern eine Zulage von 114 Euro im Monat versprochen (…) Auch in Stuttgart sei das Einstiegsgehalt für Betreuer um bis zu 235 Euro monatlich angehoben worden…“

Was für eine Geschichte! Die Bild-Behauptung hat also gerade den Weg zu einem recht großen Teil der Menschen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg gefunden.

Mein Kontrollanruf in Stuttgart ist eher Routine. Ich erwarte eigentlich nur ein 30-Sekunden-Gespräch, das in etwa so abläuft:

„Jo?“

„SWRBastianKrusegutenTag, ich rufe an wegen dieser Bild-Geschichte – kennen Sie vermutlich schon… also die Zahlen da drin, stimmen die denn?“

„Jo.“

„Danke, schönen Tag!“

„Jo.“

Stuttgarts Jugendamtsleiter Pfeifle ist über meinen Anruf aber sehr erstaunt. Die Gehälter sollen tatsächlich von Besoldungsgruppe S6 auf S8 erhöht werden. Das stimmt schon mal. Dabei würde zwar etwas weniger herauskommen als die Zahl, die die Bild angibt – aber na gut, es gibt Schlimmeres.

Das Ganze ist aber nur ein Plan. Ein Vorhaben.Die Erhöhung ist nicht beschlossen, der Gemeinderat weiß noch gar nichts von seinem Glück, und in die Haushaltsplanungen ist der Geldregen für Erzieher auch noch nicht eingeflossen. Dass die Stadt Stuttgart ihren Erziehern also mehr zahlt, ist falsch. Richtig ist, dass es den Plan gibt, das zu tun – und wenn der Gemeinderat im Herbst zustimmt, dann passiert das vielleicht auch. Vielleicht aber auch nicht.

Frau Oberhuber vom Referat für Bildung und Sport der Stadt München ist nicht weniger erstaunt. Es gibt für Erzieher der Stadt München tatsächlich eine Zulage von 114 Euro monatlich. Und auch die Dienstwohnungen gibt’s. Aber: Diese Leistungen bekommen alle Angestellten im öffentlichen Dienst in München, und das auch schon etwas länger. Das ist also keine Panik-Maßnahme nur für Erzieher.

Die Pressestelle der Stadt Stuttgart ruft mich an und verleiht ihrer Verwirrung über den Bild-Artikel Ausdruck. Die Geschichte ziehe jetzt ihre Kreise in der Behörde, heißt es. Ob das jetzt für mich geklärt sei und ich wisse, wie es wirklich ist? Ich sage ja und verspreche, es richtig zu stellen.

Der SWR meldet also um 10 Uhr:

„Die Städte Stuttgart und München dementieren einen Bericht der Bild- Zeitung, wonach sie Erzieherinnen mit höheren Gehältern locken wollen. In Stuttgart heißt es, die Erzieherinnen sollten zwar mehr Geld bekommen, es sei aber noch nichts beschlossen. In München gibt es eine Zulage von 114 Euro und einen Zuschuss zum öffentlichen Nahverkehr. Das gilt allerdings für alle Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes und nicht nur für Erzieherinnen.“

Damit ist die Geschichte für uns gestorben. Nicht aber für all jene, die von diesem Dementi nichts mitbekommen haben – über die Nachrichtenagenturen läuft das nämlich erst am frühen Nachmittag. Und auch nicht für all jene Seiten, die automatisiert und unredigiert Agenturmaterial einbinden. Auf Hunderten Internetseiten ist also noch heute die Bild-Saga von den Erziehern in München und Stuttgart zu finden.

Wie, fragt man sich, konnte es dazu kommen?

Im Falle von Stuttgart ist die Sache klar: Ein Bild-Redakteur hatte am Vortag mit der Pressestelle gesprochen und exakt dieselbe Information bekommen wie ich. Er hat für seinen Artikel halt nur aus dem Plan eine Gewissheit gemacht – ob mit Absicht oder nicht, es sei dahingestellt. Und dass dann auch noch in München ein ähnlicher Fehler passiert ist – ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Fakt ist: Die Bild-Geschichte liest sich so jedenfalls besser, als wenn man die Wahrheit gedruckt hätte. Aber das ist bestimmt nur ein Einzelfall gewesen.

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